"Das Dasein ist durch den Leib bestimmt"
Katalogtext HG Assmann in: "Metamorphosen" 2011

 

„Das dasein ist durch den leib bestimmt , der durch wahrnehmung in beziehung
Zur außenwelt steht .“ maurice merleau – ponty

Entsprechend der inneren oder äußeren bewegungen des körpers –meines eigenen
und/oder dem des gegenübers – entstehen seit etwa 1999 tagebuchartig moment-
aufnahmen gezeichneter zeit . die vergegenständlichung gelebter zeit wird zum
inhalt ,wahrgenommen durch die bewegung des menschlichen körpers –einzig
unter dem diktat der durch viele jahre des aktzeichnens geschulten und
verinnerlichten menschlichen proportionsverhältnisse .

Die physische und psychische erfahrung während des anfänglich absichtslosen
Tuns wird thema des bildes , objekt und erfahrung werden im schaffensakt eins .

Das sich-mit-dem-realisieren-eins-fühlen („Ansätze von Glücklich-sein“) gelingt im
großen format eher durch den intensiven gestischen strich ( hier bin ich real „im bild“ ,da die abmessungen in etwa meinen körpermaßen mit ausgestreckten armen entsprechen ) als bei der auffassung des bildes als distanziertem „gegenüber“ . im kleineren Format lege ich größeren
wert auf die differenzierung einzelner bildelemente .

„ getting near to“ betont als bildtitel den Prozess der entwicklung der offenen
Form (zur gestalt des bildes gehört sein entstehen ) und ebenso den angestrebten
zustand in dem ich das unmittelbare erleben Der gegenwart als einzig authentische
form der zeiterfahrung intuitiv als unTeilbares ganzes , unteilbaren akt erfasse .

Hokusai formuliert den sinn der aktion einfach und treffend : jeder strich ,jede linie , jeder Punkt soll lebendig Sein , „CHI“ enthalten .( Um die aufmerksamkeit und das notwendige einfühlungsvermögen zu schulen beschäftige ich mich seit mehreren Jahren auch mit Aikido und Tai-Chi )

das wichtigste mittel um werden , vergehen und dynamik zu
Verwirklichen ist die linie , die das organische wachsen aus einem punkt heraus
Verkörpert .

der „suchende“ strich entspricht dem „organischen“ Wachstum, ist
teil der symbiose mit dem material und deshalb niemals ein „Fehler“( einbeziehung
des Zu-fallens dank einfühlungsvermögen und unbefangener reaktionsbereitschaft ) , er bleibt Als unabdingbarer teil des prozesses der bildfindung erhalten .

Meine zeichnungen sind insofern kein abgeschlossenes produkt ,als sie in ihrer
Offenen form über sich hinausweisen , unbegrenzt wirken ; das auflösen der umriß-
Linien , die betonung der diagonalen als dynamisches mittel zur darstellung von
Bewegung von etwas her zu etwas hin sorgt für eine „innere“ zeitlichkeit , die je
Nach grad der ausgewogenheit der gerichteten kräfte , der energie, die spann-
Weiten zwischen äußerster ruhe (die Leere der leinwand) und der äußersten
Flüchtigkeit ( z.B. spritzer , fingerabdrücke ) umfassen.

Häufig entstehen irrationale Räumlichkeiten die mir die möglichkeit unendlicher
Entwicklungen , variationen , sequenzen im sinne von „For to end yet again“ (Beckett) oder auch einer Zellteilung bieten und dem Betrachter Zusätzliche assoziationsmöglichkeiten verschaffen.

Einen „systemabsturz“ kann es in diesem „programm“ , dieser konzeption nicht geben , da schon die verwendung anderen materials neue transformationen der eigenen physis ermöglicht. So mühe ich mich zur zeit mit plastischen formulierungen ab , die das durchgängige formale thema der zeichnungen , verdichtung –auflösung oder inhaltlich – pathetisch formuliert : werden und vergehen oder auch aufbau und zerstörung , kurz : das prozesshafte werden im feststehenden objekt verdinglichen . im sinne der zielsetzung bin ich vorläufig nicht sonderlich erfolgreich , doch hat die beschäftigung mit Plastischen formen auswirkungen auf die zeichnungen die nun voluminöser werden und dadurch an bildhauerskizzen erinnern. in ihrer abstraktheit ( der strich bezeichnet,was er ist und ist dennoch mehrdeutig lesbar ) und zurückhaltenden emotionalität sind diese arbeiten des letzten jahrzehnts weit entfernt von literarisch – romantischer verdinglichung des gelebten im letzten jahrtausend , doch sind intensität und umsetzung der energie gleichermaßen spürbar . nichts ist vergessen .
Aber ,Vox populi oder „wie der Schelm denkt, so ist er“ :
Die Vitalität der Bildwelten hängt auch von der Lebendigkeit und phantasie des Betrachters ab , der sie als partner des bildes zum Leben erwecken muß . . .

Hg assmann , 24.juni 2011