KATALOG KUNSTVEREIN
SALZGITTER 1990


Das Leben zählt nicht, nur dessen Vernichtung.
Dachte ich früher.
Vermutlich meinte ich mich.

Denn das Gewürm in den
gezeichneten Kadavern war sehr
lebendig.

Ich habe keine Ahnung, was Kunst ist,
die Frage interessiert mich nicht ernsthaft.
Ich weiß nicht einmal, woher ich komme,
geschweige denn, wohin ich gehe:
der all-tägliche Umgang
mit Bildnerischem, Dingfestem,
die notwendigerweise rudimentären
Notizen auf irgendwelchen Zetteln
sind Lebenszeichen,
Vergewisserungen
meiner Existenz.

Daß ich inzwischen
- ausschließlich der Dinge -
den menschlichen,
weiblich-männlichen Körper
als Vor-Bild, als Vor-Wand nehme,
hat damit zu tun,
daß ich Körper bin.

Auch ist es ein derzeit notwendiger
Kompromiß im Zusammenhang mit der
Les- und Überprüfbarkeit
der Blätter.

Das Kriterium ist Aufrichtigkeit;
durch Selbsttäuschungen und
Spiegelfechtereien hindurch
mich dem zu nähern,
was ich im Moment des Tuns bin
oder zu sein schein,
die Aufgabe.

Die seltenen Augen-Blicke,
in denen diese Verbindung annähernd
gelingt

- Ansätze von Glücklichsein -
lassen mich weitermachen.


Hans-Georg Assmann,
in: Katalog Kunstverein Salzgitter 1990
 

Die lapidaren Sätze des Künstlers über das Verhältnis zwischen seinem Körper und seinen Bildern, das Eingeständnis: Ich habe keine Ahnung, was Kunst ist; die Frage interessiert mich nicht ernsthaft, lassen wenig Raum für zusätzliche Anmerkungen. Es bleibt nichts zu erklären, nichts zu deuten - allenfalls läßt sich über die Frage nach den Grenzen spekulieren (sinnen wäre wohl der bessere Ausdruck), die Assmanns furioses Werk und Weg gesetzt sind, Grenzen, die er nicht anerkennt, die ihn permanent herausfordern; aber es ist eine Herausforderung, die zugleich Quelle einer anscheinend unerschöpflichen Energie ist.

Lebenszeichen. Jede Arbeit ein Lebenszeichen. Figürlich keine. Dennoch alle körperlich, dingfest. Aber wieder von einer Körperlichkeit, Dingfestigkeit, die nicht materiell, oder von der besonderen, einzigartigen Materialität ist: der des Lebens.

Anatomisch identifizierbare Konturen und Formen vernachlässigt Assmann, er spricht durch Anspielungen, vermittelt Ahnungen, bewegt sich in weiblich-männlichen Zwischenbereichen, dennoch dominiert in Assmanns Lebens-Zeichen das, was auf primitivster Stufe der Rezeption als das primäre Bewertungskriterium gilt, nämlich die Ähnlichkeit; bei Assmann muß man allerdings schon von einer beschwörenden, bestürzend naturalistischen Genauigkeit sprechen.

Man sollte freilich seine Collagen, Gouachen, Zeichnungen nicht mit dem Auge betrachten, sondern mit dem Körper; könnte der Körper sehen, wäre er Auge, dann würde er erschrocken-beglückt feststellen, daß alles stimmt. Alles wird bestätigt von der eigenen somatischen Erfahrung. So atme ich, so ist mein Schmerz, so meine Lust, meine Angst, mein Schrecken, meine Verzweiflung.

Natürlich wäre die Behauptung vermessen, daß Assmann das Kunststück gelungen wäre, den Körper des Betrachters - unter Ausschaltung des Auges - zum Sehen zu bringen, aber vielleicht doch nicht ganz vermessen die Feststellung, daß er sich solche Zauberey in den Kopf gesetzt hat, und daß er nicht locker läßt.

Es beginnt mit seinen frühen, mehr gehauchten als gestrichelten Kugelschreiberbildern und setzt sich fort durch alle seine Ausstellungen. Und in allen Arbeitsphasen gehören rätselhafte Filigrane, manchmal schon beinahe in Zeichnung und Farbe verschwindende Schriftzüge (Nicht zu lesen, nur zu flüstern, aber auch das wieder mit dem Körper, nicht mit dem Mund) zur Vergewisserung seiner Existenz.

Ist es Anleihe, ist es Anlehnung? Heimliche Liebe zu der anderen Kunst, der Kunst des Wortes? Ist es Glaube an magische Wirkung, sind es geheime Botschaften? Trick vielleicht, um den Betrachter ins Bild zu bannen?

Sie verheißen Aufschlüsselungen, verführen zu Entziferungsversuchen - doch obwohl immer identifizierbare Zitate, sind sie nie zu entziffern, bleiben verschleierndes Ornament, in ihrer visuellen Abstraktheit jene nichtvisuelle Körperlichkeit, akzentuierend, potenzierend.

Schon in frühesten, noch akademisch perfekten architektonischen Skizzenblättern (von Studienreisen durch Italien) deutet sich die Richtung an: Obwohl auf diesen Blättern alle Formen in Perspektive, Licht, Schatten eindeutig sind, haben Assmann schon da nicht die Materialität, sondern die immateriellen Zustände gefesselt: Spannungen und Verspannungen zwischen labilem und stabilem Gleichgewicht, Druck und Schwebe - und schon da das Wahnsinnsvorhaben, Gemachtes in Organisches zu verwandeln, Unbelebtes in Leben, Stein in Fleisch.

"ausgeträumt träumen" - das einzige Bild, in dem menschlicher Körper erscheint, auch dem Auge sichtbar, erzählt die Geschichte des ganzen Werkes: die Besessenheit im hoffnungslosen Krieg mit dem Unmöglichen kommt einer Selbstkreuzigung gleich. Der Kopf auf den blutleeren schultern ein ausgestrichenes Bild, eine Kapitulation also. Und der Kreis um das Bild nicht Heiligenschein sondern Teufelskreis.

"Was mich am Leben erhält, bringt mich auch um" hat Assmann einmal gesagt. Der Satz ist umkehrbar - so lange "Ansätze von Glücklichsein ihn weitermachen lassen."


Paul Schuster, Berlin in: Katalog Kunstverein Salzgitter 1990